Eine Erzählung von M. Pallasch

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„Maikäfer flieg.....“

 

 

Kapitel 1

 

 

 

      Die Geschichte spielt im Berlin der Nachkriegsjahre. Die Zeit der Lebensmittelkarten. Es ist Sommer ganz früh am Morgen. Ein etwa 7 jähriger Junge tritt aus einem der Mietshäuser dem man die Spuren des Krieges deutlich ansieht auf die Straße. Es ist eine kleine Nebenstraße mit Kopfsteinpflaster auf der Fahrbahn, die jedoch von wunderschönen Rot- und Weißdornbäumen gesäumt ist. Viele Häuser stehen dort nicht. Gegenüber ist ein Trümmergelände, wo vormals ein Wohnhaus gestanden hat. Auch 50 Meter weiter an der Straßenecke steht eine Ruine. Die Hülle eines ehemaligen vierstöckigen Wohnhauses das im Krieg zerbombt wurde.

 

Der Junge ist von schmächtiger Gestalt. Seine Kleidung bestehend aus einem karierten Hemd und kurzen Hosen  scheint ihm nicht so recht zu passen. Auf dem Rücken trägt er einen schäbigen verschrammten Schulranzen aus dunkelbraunem Leder. Er hebt eine grüne  Glasscherbe auf, offenbar von einer zerbrochenen Flasche und sieht hindurch.

 

„Wie schön das alles aussieht“ murmelt er vor sich hin. Er weiß noch nicht, das er nicht immer in seinem Leben eine gefärbte Brille zur Hand  haben wird die ihm die Welt bunter und angenehmer erscheinen lassen wird.

 

Es ist sehr ruhig an diesem Morgen. Autos gibt es kaum und außer einem leichten Wind, der die Blätter der Bäume bewegt und dem entfernten Bellen eines Hundes ist nichts zu hören. Auch von seinen Freunden ist noch niemand zu sehen. Freunde, ein Begriff über den im Verlauf der Geschichte noch einiges zu berichten sein wird.

 

Der Junge hat gerade die Straßenecke erreicht als er von hinten angerufen wird: „He’ morgen Herrmann“. Es war sein Schulkamerad der, jetzt eilig zu ihm hingelaufen kam. Gemeinsam setzten sie ihren Weg zur Schule fort während sie sich eine leere Blechdose wie einen Fußball zuspielten.

 

Nun wissen wir also wie die Hauptperson unserer Geschichte heißt und es ist an der Zeit, das ich etwas mehr über ihn erzähle.

 

Den Namen Herrmann bekam er zu Ehren seines Großvaters, den er nie kennen gelernt hat. Der war Offizier im ersten Weltkrieg und von dort nicht zurückgekehrt. Anders sein Vater, er wird nie vergessen wie es eines Tages an der Tür klingelte und ein ihm unbekannter Mann vor ihm stand, mit einem Pappkarton unter dem Arm und einem großen Rucksack auf dem Rücken. Herrmann wusste nicht was er mit dem fremden Mann anfangen sollte der wie ein Bettler aussah und rief seine Mutter.

 

Herrmann staunte nicht schlecht als er sehen  musste, wie seine Mutter den Fremden herzlich begrüßte und in die Arme fiel. Das Ganze war ihm sehr peinlich und so wollte er sich davonstehlen aber seine Mutter packte ihn bei den Schultern, stellte ihn vor den Fremden und sagte: „Herrmann, das ist dein Vater“. Herrmanns Reaktion ist schwer zu beschreiben. Er brachte kein Wort heraus, starrte den Mann an und wusste überhaupt nicht wie er sich verhalten sollte. Schüchtern streckte er seinem Vater die Hand hin. Der beendete die peinliche Situation, hob ihn hoch und drückte ihn an sich. Herrmann konnte sich später nicht erinnern, das sein Vater ihn jemals wieder an sich gedrückt hätte. Trotzdem verstand er jetzt irgendwie besser das kleine Lied, dass ihm seine Mutter manchmal zum Einschlafen vorsang als er noch kleiner war. Das war meist im Dunkeln, weil der Strom gleich nach dem Krieg knapp war und oft ausfiel. Nur einmal ging das Licht unvermutet wieder an und Herrmann sah, das Tränen über das Gesicht seiner Mutter rollten.

 

„Maikäfer flieg,

der Vater ist im Krieg

die Mutter ist in Pommerland

Pommerland ist abgebrannt

Maikäfer flieg.“

 

Ein nicht gerade lustiges Lied, aber vielleicht das Einzige das sie kannte.

 

Ja, es war wirklich sein Vater, der nach dreieinhalb Jahren Kriegsgefangenschaft nach hause zurückkehrte. 

 

Die Wohnung in der die Drei leben, ist eine ziemlich schäbige kleine Wohnung im Hinterhaus. Ohne Bad aber wenigstens mit Innentoilette. Im einzigen Zimmer das wie ein Schlafzimmer eingerichtet ist und überladen aussieht, steht ein Doppelbett, ein Kleiderschrank, eine Frisierkommode, ein runder Tisch mit vier Stühlen und eine alte abgenutzte Couch, die ab sofort Herrmanns Schlafplatz sein sollte.

 

 

 

Kapitel 2

 

      

Die beiden Jungen haben jetzt das Schulgebäude erreicht, ein alter etwas zurückgesetzter roter Klinkerbau, eingeklemmt zwischen zwei Mietshäusern. Auch die anderen Kinder treffen langsam ein und ein munteres lautes Schwatzen hallt durch das große Treppenhaus.  Oben im Klassenraum angekommen, es liegt im zweiten Stock, umfängt sie der übliche Lärm der bereits anwesenden Schulkameraden. Die meisten der Jungen tollen herum andere johlen und einige wenige, meist die Mädchen, sitzen schon auf ihren Plätzen und warten auf die Ankunft des Lehrers. Offenbar sind inzwischen alle anwesend. Die Schulglocke ertönt, ein Geräusch das eher an eine Feuerwache erinnert,  denn an eine Schulklingel. Kurz darauf öffnete sich die Tür und der Lehrer betritt den Raum. Die Herumtoller beeilen sich ihren Platz zu erreichen und auch das muntere Geplapper stirbt augenblicklich ab. Jeder steht stumm an seinem Platz.

 

Der Lehrer ein Mann mit schütterem grauen Haar, der bestimmt fünfundzwanzig mal am Tag seine Brille putzt. Immer, wenn er etwas erregt oder nervös ist und das ist oft der Fall, nimmt  er sie ab und reibt mit seinem Taschentuch auf den Gläsern herum. „Guten Morgen Kinder“. „Guten Morgen Herr Kaiser“ antwortet ihm die Klasse im Chor. Herr Kaiser erklärt den Kindern, das heute morgen der Schularzt kommen wird und sich die Köpfe bzw. Haare der Schüler anzusehen. Das war seine Art kund zu tun, das heute eine schulamtliche Läusekontrolle durchgeführt wird. Die Kinder sahen sich fragend an, einige kicherten. Da kam er auch schon der Doktor und brachte gleich den Schuldirektor mit, der den Kindern nochmals erklärt was sie durch Herrn Kaiser bereits wussten. Nachdem der Schulleiter das Zimmer wieder verlassen hatte ging es auch schon los. Zwischen dem Lehrerpult und der Klasse wurde ein Stuhl gestellt auf dem die Kinder einer nach dem anderen Platz nehmen mussten. Der Lehrer nannte dem Doktor jeweils den Namen und dieser wuselte in den Haaren des jeweiligen Schülers herum. Etwa die Hälfte der Klasse war fertig mit dem Ergebnis vier Positivbefunde, dann war Herrmann an der Reihe. Mit ihm beschäftigte sich der Doktor länger als mit den anderen, wobei er hin und wieder leicht den Kopf schüttelte. Dann nahm er den Lehrer zur Seite und flüsterte ihm etwas zu. Dieser fing darauf sofort an seine Brille zu putzen. Die Schüler versuchten etwas aufzuschnappen, verstanden aber kein Wort. Selbst Herrmann der dicht dabei saß konnte nichts verstehen, bekam es langsam mit der Angst.

 

„Nimm mal deine Mappe und komm mit mir“ sagte Herr Kaiser zu Herrmann. Herrmann tat wie ihm geheißen und verließ mit dem Lehrer das Zimmer. Draußen auf dem Gang erklärte ihm Herr Kaiser, er solle auf dem schnellsten Weg nach Hause gehen und seiner Mutter sagen sie müsse mit ihm einen Hautarzt aufsuchen, weil er auf der Kopfhaut einen Ausschlag bzw. eine Art Pilzbefall hätte von dem man nicht wisse ob er ansteckend wäre. Es müsse jedenfalls genau untersucht werden. Er würde seine Eltern noch separat verständigen.

 

Herrmann war erschrocken. War er krank, war es vielleicht gefährlich?  Mit recht bangem Gefühl machte sich Herrmann auf den Heimweg. Zu hause angekommen sagte er seiner Mutter was der Lehrer ihm erklärt hatte und das sie gleich zum Arzt müssten.  Er gab ihr den Zettel mit der Adresse der Hautarztpraxis, den der Schuldoktor ihm in die Hand gedrückt hatte.

 

Nachdem sie ziemlich lange im Wartezimmer sitzen mussten waren sie endlich an der Reihe. Der Arzt sah sich die Sache genau an und sagte dann zu seiner Mutter gewand: „Ihr Sohn hat auf der Kopfhaut einen Pilzbefall der zwar nicht ansteckend ist aber unbedingt behandelt werden muss. Die Haare müssen dazu allerdings herunter“.  „Waaas?“ Fragte Herrmann erschrocken, alle Haare?“ „Leider ja“, meinte der Doktor.

 

Herrmanns Haare waren ab, seine Kopfhaut musste mehrmals am Tag mit einer nicht gerade wohlriechenden Tinktur eingerieben werden. Herrmann musste zu Hause bleiben, was ihm auch ganz recht war. Er wollte es sich nicht vorstellen so von seinen Freunden oder Schulkameraden gesehen zu werden. Es dauerte ein paar Tage und der Pilzbefall verschwand langsam. Nach einer knappen Woche war er dann ganz verschwunden und ganz langsam und spärlich begannen die Haare wieder zu wachsen. Trotz Herrmanns energischem Widerspruch musste er auch wieder zur Schule. Mit einer Wollmütze die bis über die Ohren reichte. In der Schule angekommen, bestürmten ihn die Mitschüler: „Was war denn mit dir los, warst du  krank?“  Herrmann wollte nicht so recht raus mit der Wahrheit. Der Zufall wollte es, dass der Lehrer Herr Kaiser sich auch krank gemeldet hatte und so kam ein anderer als Vertretung. Es war Herr Lechtenberg, ein recht strenger Mann.

 

Als der Lehrer den Klassenraum betreten und die Kinder begrüßt hatte viel ihm sofort Herrmanns Mütze auf. „Willst du wohl die Mütze abnehmen oder bist du ein Mädchen?“ Fragte er. Jungen durften damals keinesfalls eine Kopfbedeckung während des Unterrichts tragen, dass war nur den Mädchen erlaubt. Und dann auch noch eine Wollmütze mitten im Sommer. Herrmann nahm die Mütze nicht ab und wollte dem Lehrer gerade erklären warum, da hatte dieser sie ihm schon vom Kopf gezogen.

 

Nun war er deutlich für alle zu sehen, der kahle Kopf. Herrmann wäre am liebsten davongerannt und die Reaktion seiner Mitschüler war entsprechend. Eine Glatze, eine Glatze tönte es. Von diesem Moment an hatte Herrmann seinen Spitznamen weg und er sollte ihn recht lange haben, selbst als die Haare längst wieder nachgewachsen waren. Und hier beginnt die eigentliche Geschichte erst richtig.

 

Herrmann  protestierte natürlich so oft er konnte, wenn man ihn mit seinem neuen Spitznamen anredete, aber das provozierte seine Mitschüler erst recht und irgendwann gab er es auf sich dagegen aufzulehnen.

 

Ein paar Tage später kam der Lehrer mit einer neuen Schülerin in die Klasse und stellte sie vor. „Das ist eure neue Mitschülerin Marlies Rögner“ Sie ist mit ihrer Familie von Lüneburg nach Berlin zugezogen gehört ab sofort in eure Klasse.

 

Marlies schien ein sehr schüchternes Mädchen zu sein oder lag es nur daran das sie neu war?

 

In der großen Pause stand sie ganz allein abseits von allen anderen Kindern und wusste offenbar nicht wie sie sich verhalten sollte. Das einzige was sie tat war lächeln. Die Mädchen sahen zu ihr herüber und tuschelten nur. Wenn die Jungen an ihr vorbeikamen machten sie dumme Sprüche, wahrscheinlich um sich etwas wichtig zu machen. Marlies zeigte sich davon wenig beeindruckt und lächelte nur. Sie war ein recht hübsches Mädchen mit dunkelbraunen Augen, fast schwarzem zu einem Pferdeschwanz zusammen gebundenem Haar und einer äußerst  zierlichen Figur. Sie wirkte ein wenig zerbrechlich und auch nicht gerade gut genährt was bei Kindern in dieser Zeit nicht ungewöhnlich war. Der Hunger war häufig Gast in den Familien.

 

Herrmann fasste sich ein Herz, wohlwissend wie seine Schulkameraden reagieren würden, ging zu ihr und sprach sie an. „Du heißt Marlies?“ „Ja, und du?“ „Glat.. ähh, Herrmann“. „Und warum nennen dich alle Glatze, du hast doch gar keine Glatze“. „Nicht mehr“ antwortete er und erzählte ihr was mit ihm geschehen war. „Und wo wohnst du?“ Fragte er weiter. „Am Maybachufer “ kam es zur Antwort. „Dann wohnst du ja nur eine Strasse weiter als ich, ich wohne in der Manitiusstrasse“. „Wollen wir dann nach der Schule zusammen nach hause gehen?“. „Gern, wenn du willst“. Herrmann triumphierte  innerlich. Er konnte es sich nicht erklären aber er fühlte sich vom ersten Augenblick an zu dem Mädchen hingezogen. „Gut, bis dann“. Er ging wieder zu seinen Kameraden die natürlich sofort zu lästern begannen. Spielst du jetzt mit Mädchen? Mit Mädchen spielen galt nämlich als nicht so toll. Die Mädchen galten bei den Jungen als doof. Was wie ich denke umgekehrt, nicht anders war.

 

Als die Schulglocke zum Unterrichtsschluss schrillte achtete Glatze peinlichst darauf, dass sie ihm nicht entwischte. So gingen sie den Weg von der Schule nach hause gemeinsam.

 

An seiner Ecke angekommen, sagte er das er hier wohne aber er wolle sie noch bis zu ihrer Haustür bringen und ginge dann zurück. „Das ist zwar nicht nötig, aber danke“. Vor ihrer Haustür verabschiedete er sich und ging dann nachdenklich zu der Strasse zurück in der er wohnte. Seiner Mutter machte er gleich klar, dass er morgen früher in der Schule sein müsse und sie solle ihn doch eine halbe Stunde früher wecken. Seine Mutter wunderte sich zwar ging aber weiter nicht darauf ein. „Wie du willst, also eine halbe Stunde früher als sonst“.

 

Am nächsten Morgen war er viel zeitiger als üblich unten an der Ecke und wartete das Marlies vorbeikommen würde. Und sie kam auch, so konnten sie wieder gemeinsam gehen. Er war noch recht müde, so fiel ihm nicht recht ein was er sagen sollte. Und da Marlies auch nichts sagte, gingen sie schweigend bis zur Schule nebeneinander her. In den folgenden Tagen kamen dann immer öfter Gespräche in Gang, so erfuhr Herrmann auch etwas mehr über ihre Familie. Familie ist fast übertrieben, sie hatte nur noch ihre Mutter. Ihr Vater war aus dem Krieg nicht zurückgekehrt und andere Verwandte hatte sie auch nicht mehr. Aber ihre Mutter sagte immer wir schaffen das schon, es muss ja irgendwie weitergehen.

 

Auch Herrmann erzählte von seinen Eltern und das sie immer öfter Krach miteinander hätten. Und für ihn Glatze schien sich sein Vater auch nicht sonderlich zu interessieren. Er ging fast jeden Tag aus dem Haus und kam manchmal Nachmittags, manchmal Abends erst wieder, obwohl er keine Arbeit hatte. Seine Mutter ging halbtags bei anderen Leuten die Wohnung sauber machen um etwas Geld zu verdienen, damit sie etwas zu essen hatten.

 

So vergingen die Tage und die beiden Kinder kamen sich immer näher. Die anfängliche Scheu schien verflogen zu sein und selbst die anderen Jungen hatten ihre Lästereien eingestellt. Es war bald so, dass die beiden als unzertrennlich galten. Sie verbrachten auch jede freie Minute miteinander.

 

Die Sommerferien begannen und Marlies und Herrmann überlegten was sie in den Ferien alles unternehmen könnten. Groß war die Auswahl nicht. Übers baden oder spazieren  gehen ging es kaum hinaus, an verreisen war nicht zu denken. So hörte Herrmann mit großer Freude, das Bewohner seines Hauses ein Hofkinderfest organisieren wollen. Dort sollte dann richtig etwas los sein. Das musste er natürlich sofort Marlies erzählen die ebenfalls  begeistert war, und so freuten sie sich gemeinsam auf die Dinge die da kommen sollten.

 

Die Organisation gestaltete sich ziemlich schwierig, weil die Mittel ja sehr begrenzt waren. Es wurde viel improvisiert und organisiert. Aber man gab sich alle erdenkliche Mühe. Herrmann,  Marlies und natürlich andere Kinder verfolgten gespannt die Vorbereitungen.  Da wurden Kabel zusammengetragen und Lampenfassungen mit Glühbirnen die teils farbig angemahlt waren, teils mit buntem Papier umhüllt wurden. Aus Brettern wurde eine kleine Bühne gezimmert, Tische und Stühle wurden aufgestellt, Girlanden gespannt und einiges mehr.

 

Nach drei Tagen war alles fertig und in den Hausfluren der Vier Häuser, die den Hof begrenzten hingen kleine Programme aus wie das Ganze ablaufen sollte. Da gab es fast den ganzen Tag Aktionen für die Kinder. Es waren gemeinschaftliche Spiele geplant wie Sackhüpfen, Eierlauf, Bonbonregen, musizieren und einer Tombola, bei der kleine Preise zu gewinnen waren. Auch ein Clown sollte auftreten, der wie sich später herausstellte ein Bewohner des Vorderhauses war allerdings mit viel Talent. Der Abend sollte dann den Erwachsenen gehören mit geselligem Beisammensein, Live-Musik und Tanz. Und das Ganze sollte über zwei Tage laufen damit sich der Aufwand auch lohnte.

 

Morgen sollte es soweit sein und alle waren schon recht aufgeregt, die Kinder sowieso. Aber man sah auch den Erwachsenen an, dass sie sich auf das Ereignis freuten.

 

Der große Tag war endlich da und Herrmann machte sich auf den Weg um Marlies abzuholen. Er sollte zum ersten Mal ihr Zuhause kennen lernen und damit natürlich auch ihre Mutter. Bisher wollte Marlies nicht das er mit in die Wohnung kommt, was Herrmann überhaupt nicht verstehen konnte. Die Wohnung lag im dritten Stock des Vorderhauses. Auf jeder halben Etage war eine Toilette, die immer mehrere Mieter gemeinsam nutzten. Mit Herzklopfen stand er endlich vor der Wohnungstür und klingelte. Er hörte Schritte hinter der Tür, dann wurde geöffnet. Vor ihm stand eine sehr magere Frau, die in einen alten verblichenen Morgenmantel gehüllt war und lächelte ihn an. „Du bist sicher der Herrmann, komm doch herein.“ Herrmann trat zögernd ein, und gegrüßte Marlies Mutter artig indem der ihr die Hand reichte und einen Diener machte. „Du scheinst ja ein sehr netter Junge zu sein, wenn ich so höre was Marlies über dich erzählt.“ Herrmann wurde verlegen und wusste nicht recht was er sagen sollte. Zum Glück beendete Marlies Mutter die für ihn peinliche Situation und wies ihm den Weg in das einzige Zimmer der kleinen Wohnung. Die Einrichtung war sehr spartanisch und machte einen noch ärmlicheren Eindruck als die in der er wohnte. Marlies erwartete ihn schon ganz ungeduldig und sagte zu ihrer Mutter gewandt. „Das ist der Herrmann“. „Das dachte ich mir schon“, lachte die Mutter. „Ihr Beide habt es sicher eilig zu dem Fest zu kommen, da will ich euch mal nicht aufhalten.“ „Kommen sie denn nicht mit?“ Fragte Herrmann erstaunt. „Nein mein Junge, mir geht es heute nicht besonders. Geht ihr nur allein.“ Als wollte sie es bestätigen bekam sie einen Hustenanfall und man sah ihr an, das sie nur schwer Luft bekam. Marlies sah ihre Mutter besorgt an und fragte ob sie nicht lieber zu Hause bleiben soll. Ihre Mutter beruhigte sie und meinte es ginge schon wieder und wünschte den Beiden viel Spaß.

 

„Was hat denn deine Mutter, ist sie krank?“ Fragte Herrmann als sie die Treppe herunter liefen. „Ich weiß nicht aber in der letzten Zeit hat sie immer diesen schlimmen Husten.“  

 

Als sie den Hof betraten, wo das Fest stattfinden sollte, waren dort schon viele Kinder versammelt. Auch einige von Marlies und Herrmanns Klassenkameraden waren darunter  und hatten viel Spaß. Es war erst Vormittag und die Aktivitäten für die Kinder sollten bis zum Abend dauern. Bei Einbruch der Dunkelheit sollte ein Fackelzug um den Block den Tag für die Kinder beschließen und der bunte Abend mit Live-Musik und Tanz für die Erwachsenen beginnen. Marlies Besorgnis wegen ihrer Mutter wich bald ihrem lustigen Lachen, dass Herrmann von ihr gewohnt war und das er so liebte.

 

Der Tag wurde ein voller Erfolg und den Fackelzug in der Dunkelheit genossen sie sehr, hatte er doch irgendwie etwas feierliches. Es war nun an der Zeit Marlies nach hause zu bringen und Herrmanns Mutter hielt es natürlich für ihre Pflicht mitzugehen obwohl es ja nur eine Straßenecke weiter war aber schließlich war es ja schon Dunkel. Herrmann war das gar nicht so recht, hatte er doch gehofft noch einige Minuten mit Marlies allein zu verbringen. „Ihr seht euch ja morgen schon wieder wie ich euch kenne“. Und damit hatte sie natürlich Recht.

 

 

 

Kapitel 3

 

 

Die Sommerferien nahmen ihren Lauf und Herrmann und Marlies verbrachten so viel Zeit miteinander wie sie nur konnten. Keiner hielt es lange ohne den Anderen aus. Inzwischen wussten alle die sie kannten, wenn Herrmann irgendwo auftauchte lies Marlies nicht lange auf sich warten und umgekehrt. In der Ehe von Herrmanns Eltern kriselte es immer mehr. Man stritt immer öfter, und es fielen häufig unschöne Worte. Auch von Scheidung war die Rede.

 

Die Ferien gingen zu Ende, und bald würde die Schule wieder beginnen. Es waren sehr schwere Zeiten und selbst den Kindern blieb es nicht verborgen, das ihre Eltern große Mühe hatten immer für genug Essen zu sorgen und die Dinge, die man sonst halt so zum Leben braucht. So lernten die Kinder auch bei Zeiten recht bescheiden zu sein. Spielzeuge gab es nicht viele und so war auch bei den Kindern zwangsläufig Kreativität angesagt. Man dachte sich Spiele aus, die mit den einfachsten Mitteln gespielt werden konnten.  In dieser Zeit entdeckte Herrmann sein Zeichentalent. Am liebsten zeichnete er Tiere. Den Hund von gegenüber, die Katze der Nachbarin aber auch Vögel und Insekten. Von seinem Klassenlehrer erntete er großes Lob wegen seiner Zeichenkünste und auch Marlies war begeistert. Sie liebte Vögel sowieso über alles und so musste Herrmann ihr oft Vögel zeichnen. Seine Bilder wurden auch immer realistischer. Er hätte sich nur mehr Papier für sein Hobby gewünscht aber weißes Zeichenpapier war teuer und das Geld eben knapp, So nutzte Herrmann dafür öfters ein Schulheft. Sie saßen oft am Kanal unweit des Hauses in dem Marlies wohnte. Marlies fütterte die Vögel und beobachtete sie und Herrmann saß auf der Böschung und zeichnete.

 

Heute war ein besonderer Tag, der vierte September Marlies Geburtstag. Sie trug ihr bestes Kleid und wenn man genau hinsah blieb einem nicht verborgen, das auch dieses schon an einigen Stellen ausgebessert war. Trotzdem sah sie darin sehr niedlich aus. Ihren Pferdeschwanz schmückte nicht wie sonst ein einfaches Band, sondern eine weiße Schleife. Sie waren auf dem Weg zur Schule und Herrmann ging stolz neben ihr her. „Dein Geschenk bekommst nachher, ich wollte es nicht mit in die Schule nehmen.“ „Ja danke“ antwortete Marlies und gutgelaunt setzten sie ihren Weg fort.

 

Nach der Schule holte Herrmann das Geschenk für Marlies von zu haus und ging zu Marlies herüber. Ihre Mutter hatte ihn eingeladen um Marlies Geburtstag zu feiern. Sie hatte einen Kuchen gebacken und Marlies bekam von ihr wegen des herannahenden Winters einen neuen Mantel als Geschenk, den sie selbst genäht hatte. Auch Herrmann überreichte sein Geschenk. Ein Brauner Pappkarton den er mit einer Schleife verziert hatte und ein paar Blumen. Gespannt packte Marlies das Geschenk aus. Zum Vorschein kam ein sehr hübsches von Herrmann selbst gebautes Vogelhäuschen und eine Zeichnung. Ja man konnte schon sagen ein Bild, es war farbig ausgemalt und zeigte ein Mädchen, dessen Ähnlichkeit mit Marlies unbestreitbar war. Den Hintergrund bildete die Straße in der Herrmann wohnte mit den Rot- und Weißdornbäumen. Auf der Schulter des Mädchens saß ein Maikäfer mit aufgespannten Flügeln, so als wollte er gerade davon fliegen.

 

Marlies freute sich sehr und bedankte sich herzlich. Herrmann versprach ihr das Vogelhäuschen am Fenster anzubringen damit sie im Winter die Vögel füttern und beobachten konnte.

 

„Das bin ja ich“ rief sie begeistert als die das Bild sah. Auch ihre Mutter betrachtete das Bild voller Bewunderung. „Du kannst wirklich sehr gut zeichnen, vielleicht kannst du das ja mal später beruflich nutzen und dein Geld damit verdienen.“ „Ja, dass habe ich auch vor“ antwortete Herrmann selbstbewusst.

 

So vergingen die nächsten zwei Jahre, Marlies war inzwischen 10 Jahre alt und Herrmann sollte es in zwei Monaten sein. Wie an jedem Morgen holte er Marlies wieder von zu haus ab. Schon als sie aus dem Haus trat sah er, das sie heute nicht so fröhlich war wie sonst. Sie bemühte sich zwar zu lächeln aber es wollte ihr nicht so recht gelingen. Herrmann spürte deutlich, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie redete auch nicht so unbefangen wie er es von ihr gewohnt war. Den größten Teil des Schulweges legten sie schweigend zurück. Kurz vor der Schule hielt Herrmann es nicht mehr aus und er fragte was denn passiert sei, ob etwas mit ihrer Mutter nicht in Ordnung wäre. Mit deren Gesundheit stand es ja nicht gerade zum Besten wie Herrmann wusste. Marlies schüttelte nur den Kopf sagte aber nichts. Ob er Schuld wäre wollte er wissen, ob er irgendetwas getan habe weshalb sie heute so sei, wieder war die Antwort nur ein Kopfschütteln.

 

Herrmann bekam ein beklemmendes Gefühl, so kannte er sie nicht. Wenn er nur den Grund für die Veränderung von Marlies wüsste. „Du bist wirklich nicht sauer“, fragte er eindringlich. „Nein, ich bin nicht sauer aber.....   ich muss dir etwas sagen.“ „Was denn, ist irgend etwas  Schlimmes passiert?“ „Wir ziehen weg meine Mutter und ich“. Sie fing an bitterlich zu weinen. Herrmann glaubte nicht richtig zu hören. „Ihr zieht weg, warum denn und wohin denn?“ Fragte er und ahnte Schlimmes. „Sehr weit weg, nach Nürnberg, dass liegt in Bayern“. Herrmann schnürte es regelrecht die Kehle zu, ihm wurde auf einmal ganz schlecht. Auch er begann zu weinen. Marlies zieht weg, dass durfte einfach nicht sein. Er wollte und konnte sich einfach nicht vorstellen das sie getrennt werden sollten. Alle ihre Träume zerplatzten in diesem Augenblick. Sie hatten sich fest versprochen immer zusammen zu bleiben. Sie hatten sich schon fest vorgenommen zu heiraten, wenn sie erwachsen sind.

 

„Aber warum müsst ihr denn wegziehen“, fragte er mit erstickter Stimme. Marlies erzählte ihm, dass ihre Mutter dort eine feste Arbeit bekommt und sie diese Arbeit brauche um sie beide durchzubringen. Ob sie nicht hier bleiben könne, wollte er wissen aber ihm wurde sofort klar, das dass völlig unmöglich war. Wo sollte sie denn wohnen, auch würde ihre Mutter sie nie zurücklassen.

 

Sie beschlossen spontan heute nicht in die Schule zu gehen. Es war ihnen egal was die Anderen dachten oder sagten und so machten sie kehrt.

 

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, dann fasste Herrmann endlich Mut und fragte: „ Und wann, ich meine wann zieht ihr weg?“ „In zwei Wochen“ antwortete Marlies zögerlich. „In zwei Wochen schon?“ Sie nickte nur stumm.

 

Sie hatten jetzt ihren Lieblingsplatz an der Kanalböschung erreicht aber es war nicht wie sonst. Keiner sprach ein Wort. Marlies fütterte keine Vögel und Herrmann zeichnete nicht. Sie saßen nur stumm nebeneinander. Die bedrückende Stimmung der Beiden hielt den ganzen Vormittag an. „Dann bist du ja an meinem Geburtstag nicht mehr da“ murmelte Herrmann leise. Marlies sah ihn nur an, ihr Gesicht war tränenüberströmt, sie wusste nicht was sie sagen sollte. Herrmann gab nicht auf, er wollte einfach nicht glauben das sie getrennt werden sollten. „Kann denn deine Mutter nicht hier in Berlin eine Arbeit finden?“ „Nein, sie hat alles versucht. Sie sagt die Stelle in Nürnberg ist ein Glücksfall und sie brauche diese Arbeit damit es ihnen besser ginge“.

 

Sie überlegten angestrengt wie sie ihr Problem lösen könnten aber es fiel ihnen nichts gescheites ein, ihre Möglichkeiten waren sehr begrenzt, schließlich waren sie noch Kinder. Was konnte man gegen die Entscheidungen der Erwachsenen in ihrem Alter schon tun. Wir könnten vielleicht weglaufen dachte er, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Wovon sollten sie leben, die Zeiten waren extrem schlecht und außerdem wohin sollten sie gehen? Man würde sie auch suchen und finden und dann wäre alles noch schlimmer.

 

„Herrmann lass uns versuchen die noch übrigen Tage nicht mehr davon zu reden“ schlug Marlies vor, sie wusste jedoch, das ihnen das nicht gelingen würde.    

 

 

 

 Kapitel 4

 

 

War es ihnen für ein paar Tage einigermaßen gelungen den traurigen Termin von Marlies Abreise zu verdrängen, so kam er ihnen jetzt wo er immer näher rückte um so stärker ins Bewusstsein. Dann war es so weit, heute würde Marlies und ihre Mutter abreisen.

 

Herrmann durfte Marlies zum Zug bringen obwohl er eigentlich in der Schule hätte sein müssen aber seine Mutter wollte ihm für diesen Tag einen Entschuldigungszettel schreiben. So standen sie auf dem Bahnsteig eng umschlungen und wussten nicht so recht was sie sagen sollten. Nur die Tränen flossen in Strömen. Irgendwann mahnte dann Marlies Mutter das sie jetzt einsteigen müssen da der Zug gleich abführe. Dann war es soweit, der Zug fuhr an und Herrmann lief so gut er konnte nebenher bis der Bahnsteig zu ende war. Er blieb noch eine ganze Weile stehen nachdem der Zug längst nicht mehr zu sehen war.

 

Es begann für ihn eine ganz schlimme Phase. Seine Leistungen in der Schule fielen praktisch auf Null. Er war unkonzentriert und regelrecht abwesend.

 

Herrmann wurde immer verschlossener. Die Aufmunterungsversuche seiner Mutter und seiner Schulkameraden zeigten keinerlei Wirkung. Oft traf man ihn an der bewussten Stelle des Kanalufers wo er stumm auf das Wasser blickte. Es kam ihm manchmal so vor, als hörte er Marlies Stimme, ihr fröhliches Geplapper und ihr helles Lachen. Seine Mutter machte sich große Sorgen und versuchte ihn mit allem möglichen abzulenken aber ohne Erfolg.

 

Es waren etwa zehn Tage vergangen, es war der 16.Juni 1948 da kam ein Brief aus Nürnberg. Marlies schrieb ihm sie seien wohlbehalten angekommen und es ginge ihnen gut. Sie wohnen in einem schönen Haus und man könnte aus dem Fenster direkt in einen Park blicken. Herrmann schrieb sofort einen Antwortbrief. Er freute sich, das es ihr gut ging und wie sie ihm sehr fehle. Er versprach, sobald sich eine Möglichkeit ergäbe sie zu besuchen,

aber es ergab sich vorerst keine. Das Geld war sehr knapp und reichte seiner Mutter gerade für das Nötigste und manchmal nicht einmal dafür.

 

Die darauffolgenden Tage rannte er jedes Mal von der Schule nach hause und fragte seine Mutter. „Ist Post von Marlies gekommen?" Die schüttelte immer nur den Kopf und meinte er solle nicht so ungeduldig sein, sie wird schon schreiben, die Post braucht in diesen Zeiten eben recht lange. Aber so lange Herrmann auch wartete, es kam keine Post mehr. Sollte sie ihn vergessen haben? Er konnte es nicht glauben.

 

24. Juni 1948, überall herrschte helle Aufregung. Wer ein Radio besaß saß davor und musste hören, das die sowjetische Armee sämtliche Land und Wasserwege von und nach Berlin abgeriegelt hatte. Die Berliner Blockade begann. Die ohnehin schon schlechten Lebensbedingungen wurden noch härter. Die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln und dem Notwendigstem war nur noch durch die von den Westalliierten eiligst eingerichtete Luftbrücke möglich. Auch Post kam natürlich nicht durch.

 

Herrmann erschrak, hatte Marlies seinen Brief vielleicht gar nicht bekommen? Und hatten weitere Briefe ihrerseits ihn dadurch nicht erreicht? Es musste wohl so sein.  Herrmann war verzweifelt. Wie sollte er sich jetzt mit Marlies in Verbindung setzen? 

 

Die Berlin-Blockade dauerte fast ein Jahr aber auch danach verging noch einige Zeit bis wieder halbwegs Normalität einkehrte, wenn man von Normalität überhaupt sprechen konnte.

 

Herrmann schrieb wieder einen Brief an Marlies in der freudigen Erwartung das sie endlich antworten würde. Sie werden das mit der Blockade um Berlin in Nürnberg doch sicherlich auch erfahren haben, so das sie ihm nicht böse sein konnte keine Post von ihm erhalten zu haben.

 

Es vergingen einige Tage aber es kam keine Antwort. Dann nach etwa 14 Tagen war Post da. Herrmanns Enttäuschung war riesengroß. Es war sein eigener Brief auf dem stand „unzustellbar zurück“. Was sollte das heißen, hatte er vielleicht die Adresse falsch geschrieben? Er kontrollierte alles noch einmal ganz genau. Nein, die Adresse stimmte aber wieso kam der Brief dann zurück?. Herrmann versuchte es noch einige Male aber immer mit dem selben Ergebnis.

 

  

 

Kapitel 5

 

 

Herrmann hatte endlich, nach langem Mühen seiner Mutter die Erlaubnis abgerungen allein nach Nürnberg fahren zu dürfen, schließlich war er inzwischen fast 13 Jahre alt. Die Fahrkarte hatte ihm sein Onkel spendiert. Der Zug fuhr in den Nürnberger Hauptbahnhof ein und er stieg aus. Die Spannung in ihm stieg. Würde er sie bald wiedersehen oder war sie vielleicht verzogen?

 

Als erstes kaufte er sich an einem Kiosk einen Stadtplan von Nürnberg und suchte nach der Strasse. Eine dreiviertel Stunde später hatte er das Haus gefunden. Wie hatte sie geschrieben? Wir wohnen in einem schönen Haus und wenn wir aus dem Fenster sehen können wir direkt in einen Park schauen. Hermann überkamen Zweifel ob er an der richtigen Adresse war, denn weder war die Nr. 6 ein schönes Haus, noch war gegenüber ein Park zu sehen. Es war eine kleine Seitenstraße in einer eher tristen Gegend.

 

Pochenden Herzens betrat er das Haus. Im Flur hing eine Tafel mit den Namen der Hausbewohner. Ihren Namen suchte er allerdings vergeblich. War er doch an der falschen Adresse, oder hatte sie sich nur verschrieben? Er klingelte an einer Wohnungstür im Erdgeschoss, dort war aber offenbar niemand zu haus. Herrmann ging eine Treppe höher und versuchte es erneut. Nachdem er ein drittes Mal auf die Klingel gedrückt hatte dachte er schon es wäre niemand zu hause aber da öffnete sich die Tür einen kleinen Spalt und eine alte Dame fragte: „Wer ist da und was wünschen Sie?“ Herrmann entschuldigte sich für die Störung und fragte die Frau nach der Familie ------.

 

Die alte Dame schüttelte den Kopf und antwortete: „Kenne ich nicht, der Name sagt mir nichts“. „Es müsste eine alleinstehende Frau mit ihrer Tochter gewesen sein“. „Ach ja“, antwortete die Alte jetzt fällt es mir wieder ein, die waren aus Berlin hier zugezogen“. „Richtig“ sagte Herrmann, „dass müssen sie sein. Wissen sie vielleicht wo sie hingezogen sind?“ „Die sind nicht weggezogen, die Frau ist doch damals verstorben. Sie war sehr krank, die hatte glaube ich die Schwindsucht, ein Wunder das sie die Kleine nicht angesteckt hat.  Schwindsucht nannte man in dieser Zeit die Tuberkulose.   . „Und die Tochter?“ „Das Mädchen wurde abgeholt, kam wahrscheinlich in ein Kinderheim oder Waisenhaus, denn andere Verwandte hatten sie wohl nicht mehr“. „Wissen sie vielleicht in welches Heim?“ „Nein, tut mir leid“. Herrmann bedankte sich für die Auskunft und ging mit weichen Knien die Treppe herunter. Waisenhaus, Marlies im Waisenhaus? Unten vor dem Haus angekommen setzte er sich auf seinen Koffer und überlegte was er tun könnte um sie aufzuspüren. Er ging zur nächsten Telefonzelle und suchte dort im Verzeichnis nach Adressen von Waisenhäusern. War sie überhaupt in einem Waisenhaus dieser Stadt oder hatte man sie vielleicht woanders hingebracht? Viele solcher Häuser gab es in Nürnberg nicht und Herrmann beschloss sich an eine Behörde zu wenden. Nach längerem suchen wurde das Haus dann gefunden in das man sie gebracht hatte. Nur dieses Waisenhaus gab es nicht mehr. Es wurde geschlossen und die Bewohner auf andere Häuser verteilt, dass war etwa 3 Jahre her. Endlich hatte er dann aber die Adresse. Er fuhr dorthin und erklärte der Heimleiterin das er Marlies besuchen möchte. „Das geht leider nicht, die wurde in die Kinder- und Jugendpsychiatrie  eingeliefert. Die hatte wohl den Tod ihrer Mutter nicht verkraftet“. Herrmann war zutiefst erschrocken. Was war mit ihr geschehen, wie krank war sie?

 

Die Anstalt für psychisch kranke Kinder war ein uraltes Gemäuer in einer Park-ähnlichen Anlage mit einem ziemlich hohen Zaun drum herum. Am Eingangstor gab es ein kleines Pförtnerhäuschen, dort trug er sein Anliegen vor. „Da musst du dich bei der Anstaltsleitung melden und fragen ob ein Besuch überhaupt erlaubt ist.“ 

 

Der Anstaltsleiter bestätigte ihm, ja sie ist hier aber es wäre jetzt keine Zeit für Besuche, außerdem wer er überhaupt sei, es könne nicht einfach jemand kommen und sie besuchen wollen. Herrmann erklärte ihm woher er Marlies kannte, das er extra aus Berlin angereist sei und bat ihn um eine Ausnahme. Der Leiter ließ sich überzeugen und deutete aus dem Fenster auf eine etwa 30 Meter entfernte Bank die halb von einem Gebüsch verdeckt wurde. „Um diese Zeit ist sie immer draußen im Park, aber nicht zu lange und rege sie nicht unnötig auf.

 

Herrmann schlug das Herz bis zum Hals. Wie würde sie reagieren, wenn sie ihn sah? Würde sie ihn überhaupt noch erkennen?

 

Er näherte sich langsam der Bank und ging um das Gebüsch herum. Ja, da saß sie, sie hatte sich zwar verändert; es waren schließlich zwei Jahre vergangen aber er erkannte sie sofort.   

 

Sie starrte vor sich hin und nahm offenbar gar nicht war das jemand vor ihr stand. „Hallo Marlies ich bin es Herrmann“. Das Mädchen hob den Kopf um ihn gleich wieder zu senken. Sie erkannte ihn offenbar nicht, oder doch? Herrmann war es als huschte kurz ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht,  dass sofort wieder verschwand. Er redete lange auf sie ein, fragte sie ob sie sich an dieses oder jenes erinnere ohne Erfolg. Herrmann rollten die Tränen über das Gesicht, er wusste nicht mehr, wie er sich verhalten sollte. Plötzlich murmelte sie vor sich hin: „Meine Mutter holt mich bald ab, wenn sie mit der Arbeit fertig ist. Sie hat es versprochen, sicher muss sie lange arbeiten aber sie kommt ganz bestimmt. Herrmann nahm sie in den Arm und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „ja, sie kommt sicher bald“. Und fügte hinzu nachdem er sah, das der Anstaltsleiter energisch durch Gesten zu verstehen gab er möge den Besuch beenden. “Ich komme auch wieder ganz sicher“ Herrmann ging langsam zum Ausgang zurück und drehte sich alle drei Schritte um. Das Mädchen saß noch immer am selben Platz und starrte wieder vor sich hin.

 

Wieder zurück in Berlin erzählte er seiner Mutter davon und fragte, ob man ihr nicht irgendwie helfen könne. „Wie denn, was sollen wir denn da machen“.  Herrmann nahm sich vor ab sofort jeden Pfennig zu sparen um sich möglichst bald wieder die Bahnfahrt nach Nürnberg bezahlen zu können. Er trug morgens vor der Schule Zeitungen aus, er konnte dem Kaufmann um die Ecke ab und zu für ein paar Pfennige helfen sein Lager zu ordnen. Er nahm jede Gelegenheit war, um das Geld für die Bahnfahrt zusammen zu bekommen.

 

Nach etwa vier Monaten war es soweit. Er konnte sich die Fahrkarte kaufen. In der Nürnberger Anstalt angekommen, erkannte ihn der Anstaltsleiter sofort aber warum machte er ein so ernstes Gesicht? „Du kannst Marlies nicht mehr besuchen, sie ist vor drei Wochen gestorben. Ihr Herz machte nicht mehr mit, sie hatte schon länger Probleme damit. Wir haben alles versucht um ihr zu helfen aber es war zu spät. Wer weiß vielleicht ist es auch besser so für sie. Sie ist auf dem städtischen Friedhof begraben. Übrigens das hier haben wir bei ihren Sachen gefunden, du heißt doch Herrmann?“ Er reichte ihm ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Herrmann faltete es auseinander, es war eine Kinderzeichnung, darauf sah man ein Mädchen mit einem gerade abfliegenden Maikäfer auf der Schulter. Darunter stand: Von Herrmann für Marlies.

 

Sie war eines dieser empfindsamen zarten Wesen die man sehr behüten muss, weil sie sonst zerbrechen.

 

Hier endet die Geschichte. Eines gibt es noch zu erwähnen. Es gibt einen inzwischen alten Mann, der fährt jedes Jahr einmal nach Nürnberg um seine unvergessene Marlies zu besuchen.   

 

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Nachwort:

 

Diese Geschichte ist hier stark verkürzt wiedergegeben. Ich habe mich auf die wesentlichsten Ereignisse beschränkt. Sie ist nicht autobiografisch und auch so nicht wirklich passiert, sie ist frei erfunden. Nicht erfunden sind jedoch die geschilderten Lebensumstände dieser Nachkriegsjahre. Die Handlung steht stellvertretend für viele Schicksale dieser Zeit.

 

M.P.